Abschiedsrede

auf der Trauerfeier am 22.12.2007 von Raphaela Haag

Lieber Hajo,
liebe Geschwister Caroline und Christoph mit Familie,
liebe Frau Theler.
Liebe Verwandte und Freunde, verehrte Trauergemeinde!
Ihnen allen gilt in dieser Stunde mein herzlicher Gruß.

Wir sind zusammen gekommen um Abschied zu feiern – den Abschied von Brigitte Theler-Banzhaf. Wir wollen Brigitte jetzt und hier ein letztes Mal bewusst in unsere Mitte nehmen; heute am Tag der Wintersonnenwende, die uns das Ende der Dunkelheit anzeigt, begleiten wir Brigitte ein Stück weit in ein neues Licht.

Beim Hereinkommen haben wir ein Musikstück von Arvo Pärt gehört. Es trägt den Titel „Tabula rasa“ und war eines jener Stücke, die Brigitte in ihren Kursen bei der „Reise durch den Tierkreis“ den einzelnen Zeichen zuordnete. „Tabula rasa“ verband sie dabei mit ihrem eigenen Tierkreiszeichen, dem Wassermann. Zu ihrem Aszendenten Fische, dem Zeichen, das den Lebendigen Kreis beschließt und die Tore zur Anderswelt öffnet, erklingen die Choräle der Dreifaltigkeitsmesse von John Taverner, die wir am Ende der Trauerfeier auf dem Weg ins Licht hören werden.

„Kürsli gää“ – also Kurse zu geben, die Erkenntnisse der Astrologie lebendig werden zu lassen, das war für sie das Größte und ihre ganze Leidenschaft. Wer mal einen ihrer Kurse besucht hat, weiß wovon ich spreche, wenn ich sage, dass ihr Publikum ihr förmlich an den Lippen klebte. Sie stand da, vollkommen präsent und konnte mit ihrem Charme und ihrem Esprit bei anderen immer Begeisterung wecken. Dabei wirkte sie sehr inspirierend und völlig unangestrengt, es ging einfach Brigittes Mund über, wovon ihr Herz voll war.

„Wenn Achsen ins Schwingen geraten, Extreme sich begegnen“, das war ihre Passion – den Weg zu gehen, der in die Ganzheit führt. Diesen Weg wollte sie anderen Menschen aufzeigen, sie daran teilhaben lassen. Das alles klingt ein bisschen so, als hätte sie in ihrem Leben nie etwas anderes gemacht – dabei musste ihr der Funke für diese Leidenschaft auch erst zufliegen.

Am 1. Februar 1959 geboren wuchs sie in Zürich in der Schweiz auf. Sie liebte das Familienleben und die enge Verbindung innerhalb ihrer Familie, wollte aber als mittleres Kind immer ein bisschen mehr Anerkennung, als ihr schon zukam – sie wollte wahrgenommen werden.

Für die damaligen Umstände war es außergewöhnlich, dass sie in Zürich aufs Gymnasium gehen konnte, um als eine der wenigen aus ihrem Quartier „die Matura“, das Abitur zu machen.

Und so startete sie ihre berufliche Laufbahn, die sie zunächst als Primarlehrerin begann. Auch das tat sie gerne, bis ihr das System wohl ein wenig zu eng wurde. Und wie das Leben so spielt, kam sie durch eine Begegnung mit Claude Weiss, die zunächst ihr Bruder mit ihm hatte, zur Astrologie.

Die Energie in ihr brachte sie dazu, aus dem alten System aus zu steigen und eine neue persönliche Form von Freiheit zu leben. Dabei war ihr wohl klar: Wer sich selbst finden möchte und sich weiterentwickeln will, muss sich in unvertraute Welten wagen. So führte sie der Weg von Zürich nach München, wo durch das Hin und Her das sich dann zwischen der Schweiz und Deutschland ergab, eine Zeit der kreativen Spannung begann.

Dass für eine Schweizerin Deutschland nicht unbedingt das Land der tiefen Sehnsüchte ist, muss ich wohl nicht explizit erwähnen. Aber unter anderem mit Hilfe von Radtouren durch Deutschland mit ihrem Mann lernte sie dieses Land und seine Leute zu lieben. Eine gute Geborgenheit im lebendigen Freundeskreis machte es ihr einfacher hier zu sein, aber die Frage „Wohin gehöre ich?“ war dabei innerlich immer präsent.

Auch das gehörte eben zu ihrer Persönlichkeit, einerseits die innere Freiheit und Leichtigkeit zu genießen ohne sich abhängig zu machen von den Urteilen anderer, die es erlaubt die Perspektive eines Vogels einzunehmen, die aber eben gleichzeitig Bodenlosigkeit bedeuten kann und nach den Wurzeln suchen lässt.

Astrologie bedeutete für sie, einen Weg zu gehen, der zur Ganzheit führt. Dabei verfolgte sie eine Vision – mit großen Worten gesprochen: die Vision „die Welt zu heilen“. In allem, was sie mit ihrer Arbeit tat, wollte sie den Menschen helfen ganz zu werden – heil zu werden. Und so viel ich weiß hatte Brigitte dabei große Erfolge. Umso schwerer finde ich es, dann das Schicksal zu akzeptieren, das für sie offenbar nicht vorgesehen hat, selbst körperlich wieder heil zu werden.

Es war kein geringerer Tag als jener 11. September 2001 an dessen Vorabend sich zum ersten Mal äußerlich Zeichen ihrer Krankheit bemerkbar machten. Mit dem erschütternden Befund stellte sich auch innerhalb ihrer Beziehung die Frage: „Wie mit der Diagnose umgehen?“ „Wie können wir uns als Paar diesem völlig unabsehbaren Verlauf der Dinge stellen?“

Die Entscheidung fiel. „Liebe dein Schicksal - es ist der Gang Gottes durch deine Seele“, so sagt Thomas von Aquin und mein Eindruck ist, Brigitte hat genau das versucht. Als im Februar diesen Jahres endgültig die Bösartigkeit des Tumors feststeht, wurde damit ein Todesurteil auf Raten gefällt. Brigitte wusste, wie wichtig es dabei war, in ihrer Mitte zu bleiben. Darauf hat sie sehr geachtet. Wir erinnern uns: wenn Extreme sich begegnen – die Mitte – der Weg der zur Ganzheit führt.

Die erste Zeit, geprägt von langen Spaziergängen hin zu ihrer Therapie, war im Rückblick eine sehr entspannte Zeit, eine Zeit in die auch die Heirat von Brigitte und Hajo fällt. Die letzte Zeit, von der sie selbst sagte, es wäre die glücklichste in ihrem Leben war auch geprägt von der Verrücktheit, die ihr als Wassermanngeborene inne wohnte. Endlich durfte sie ihre Verrücktheiten ausleben, ohne dass es ihr jemand übel nahm. Dazu gehörte auch noch eine Irlandreise, die sie unbedingt machen wollte, um auf den Spuren der Brigitte von Irland nach ihren eigenen zu suchen.

Von dort brachte sie ein goldenes keltisches Kreuz mit, das ihr sehr wertvoll war. Als sie es gemeinsam mit Hajo zum Juwelier bringen wollte, um es versilbern zu lassen, kippte ihr gesundheitlicher Zustand und sie ließ sich direkt in die Klinik fahren. Der Befund war bedrückend und so stellte sich ihr die Frage „Was tue ich mit dem verbliebenen Lebensrest? Was ist der Sinn?“ Aktiv im Außen etwas zu tun geht nicht mehr, da bleiben die Möglichkeiten darüber zu verbittern oder weise zu werden. Zur Weisheit ist eigenes inneres Zutun gefragt.

Als sie dann die zwei Wochen bei den „Barmherzigen Brüdern“ verbrachte, hatte sie eine schon ältere Dame als Zimmergenossin, die ein ausgesprochenes Vorbild an Dankbarkeit war. Und vielleicht entschied sich Brigitte dank dieser Begegnung für die Weisheit und gegen die Verbitterung.

Wer Brigitte kannte, weiß, sie war sicher nie ein Charakter, den man als einfach oder pflegeleicht bezeichnen würde. Aber mit dieser Entscheidung kam ihr ein seelisches Wachstum zu, das ihr dazu verhalf gut zu sterben und ihren geplanten Weg zur Ganzheit in die Heilung zu vollenden, wenn nicht physisch so doch auf einer tieferen Ebene.

Ein großes Geschenk war es, dass sie bis zum Schluss in ihrer gewohnten Umgebung sein konnte, zu Hause immer von Menschen umgeben, die ihr nahe waren. Und als Gott sah, dass der Weg zu lang, der Hügel zu steil, das Atmen zu schwer wurde, legte er seinen Arm um sie und sprach „Komm heim“…

In dieser Stunde lag sie in den Armen ihres Mannes, begleitet von einem Mantra von dem es heißt, es sei der Dalai Lama, der es für einen sterbenden Freund singt, um ihm die Reise zu erleichtern.

Umrahmt von diesem Reisesegen und der friedvollen Umgebung konnte sie heimgehen und hinterließ für alle die zurückblieben ein Lächeln, das nicht von dieser Welt stammt und das uns sagt „nichts bleibt mehr offen“.

In München ist sie gestorben, zu Gott ist sie heimgegangen und ihre Asche soll bald den Boden ihrer Geburt berühren – so war es der persönliche Wunsch von Hajos „tapferem Schweizerlein.“

Brigitte Theler-Banzhaf * 1.2.1959 (Zürich) † 13.12.2007 (München)